Mahnmal für Grenztoten Harry Weltzin

1983 kam Wismarer im Wald bei Kneese ums Leben

Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Republikflüchtlings Harry Weltzin wird bei Kneese ein Mahnmal für DDR-Grenztote eingeweiht. Die Zeremonie findet am 31. August statt, unweit der Stelle, an der er 1983 ums Leben kam.
Für das Mahmal wurden Originalteile der ehemalige Grenzanlage aufgestellt. Es sei wichtig, auch die junge Generation hier mit einzubeziehen.

Harry Weltzin wurde 1955 in Wismar als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Er besuchte von 1961 bis 1971 die Polytechnische Oberschule „Gerhart Hauptmann“ in Wismar, die er mit sehr guten Ergebnissen abschloss. Nach Lehre und Armeezeit studierte er an der Ingenieurhochschule Wismar Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Starkstrom. 1981 schloss er das Studium als Diplom-Ingenieur ab. Von 1981 bis Anfang 1983 arbeitete Harry Weltzin als Diplom-Ingenieur für Projektierung auf der Werft in Wismar. Er verlor seine Arbeitsstelle nach einer Auseinandersetzung mit einem „leitenden Genossen“ an der Werft und entschloss sich zur Flucht in die Bundesrepublik.

Harry Weltzin sah keinen anderen Ausweg mehr, als die DDR zu verlassen. Die Grenze bei Kneese, die er aus seiner Dienstzeit kannte, schien ihm hierfür der schwächste Punkt der DDR-Grenze zu sein. Er wusste auch, dass das Wasser des Niendorfer Binnensees bereits zur Bundesrepublik gehörte. Zwischen Zaun und See war nur ein schmaler Uferstreifen zu überwinden.

Ihm war aber offenbar nicht klar, dass die DDR zwischenzeitlich Selbstschussanlagen vom Typ SM 70 in diesem Abschnitt installiert hatte. Diese wurden durch gut getarnte Drähte ausgelöst, die längs des Zauns angebracht waren. Als er sich unter dem Zaun hindurch graben wollte, löste er am 4. September die Todesautomatik aus. Von mehreren Splittern getroffen, starb er wenig später.

Sein Tod wurde von den DDR-Organen mit einer Lügengeschichte vernebelt. Weltzin habe sich auf dem in Wismar am Grab seiner Großeltern das Leben genommen, war die offizielle Version. In den Akten der DDR-Staatssicherheit befinden sich jedoch die Unterlagen über den tatsächlichen Hergang. Auch grausige Fotos der Leiche finden sich hier. Sie zeigen den Toten mit der NVA-Erkennungsmarke, die Weltzin mit auf die Flucht genommen hatte.

„Das Tragische ist und das ergaben Recherchen: Noch vor vier Wochen dachten Wismarer, dass Harry Weltzin ein Selbstmörder gewesen sei und sich am Grab des Großvaters erhängt hätte. Es war damals eine komplett falsche Darstellung von seinem Tod in Umlauf gebracht worden – wahrscheinlich im Auftrag der Stasi“, sagt Michael Markus Schulz von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Es existierten auch Gerüchte, wonach Weltzin als Reservist bei einem Manöver ums Leben gekommen sei.

Der Mann, der sich mit dem Fall Harry Weltzin näher beschäftigte, ist der Wissenschaftler Prof. Dr. Stefan Appelius. Er sichtete Stasi-Unterlagen, sprach u. a. mit ehemaligen Arbeitskollegen Weltzins. „Ich war sehr berührt, dass die Selbstmordgerüchte quasi bis zum heutigen Tage durch Wismar waberten und die Menschen nicht wissen, was für ein Schicksal Harry Weltzin tatsächlich ereilt hatte“, so Appelius.

Den Fluchtplan des Wismarers bezeichnet Appelius als gut überlegt. Der Diplomingenieur habe Bolzenschneider, Campgingspaten, Kompass, Taschenlampe, Gasfeuerzeug, Schokoladenkekse, Traubenzuckertabletten und eine Thermoskanne dabei gehabt. „Weltzin trug eine Badehose und führte auch einen Schnorchel mit sich, um das letzte Stück in Richtung Schleswig-Holstein durch den Niendorfer Binnensee zu schwimmen. Er hatte auch für den Fall seines Todes Vorsorge getroffen, um den Hals trug der Leutnant der Reserve seine militärische Erkennungsmarke“, so Appelius.

Vor Gericht landete der Fall Weltzin 1998. Die Staatsanwaltschaft klagte damals einen stellvertretenden Zugführer einer Pionierkompanie wegen angeblicher Beihilfe zum Totschlag an. Denn unter seiner Leitung waren im September 1979 westlich von Kneese und Bernstorf je 324 Minen verlegt worden. Das Verfahren gegen den Mann endete im Mai 2000 mit einem Freispruch.
                                                                                                                           aus der Gadebusch-Rehnaer Zeitung vom 16. August 2013

www.svz.de/lokales/gadebusch-rehnaer-zeitung/mahnmal-erinnert-an-grenztoten-harry-weltzin-id4067886.html

 




Chronologie des Verkaufs 2007/08

Das Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. konnte 2011 mithilfe privater Spender und des Landes Brandenburg das gesamte 22.000 m² Areal für 436.000 Euro erwerben. Es kostete 2015 insgesamt ca. eine halbe Million Projektförderung. 280.000 Euro bringt die Gedenkstätte zusätzlich für die Betriebskosten in zwei Jahren auf. [LR 4.8.2016]
2016 entdeckten mehr als 8000 Besucher die Gedenkstätte, 2015 waren es inklusive vieler Schulklassen 6.500.

Die Chronologie: Weg frei für Menschenrechtszentrum am 30.1.2008
Erstes Teilgrundstück an neuen Verein übertragen. „Die Nutzungsvereinbarung zwischen der Stadt Cottbus und dem Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. zur Entwicklung einer Gedenkstätte auf der Fläche der früheren Justizvollzugsanstalt wurde gestern unterzeichnet. Das ist nur scheinbar ein formaler Verwaltungsakt. Mit der Nutzungsvereinbarung bekennen sich die Stadt und ihre Bürger zu einem schwierigen Kapitel der jüngeren Geschichte. Cottbus überlässt dem Menschenrechtszentrum nicht nur Teile der ehemaligen Haftanstalt. Sie übernimmt auch Verantwortung für die Gestaltung der Stätte des Gedenkens. Das 1860 fertiggestellte Gefängnis war in seiner langen Geschichte zwei Mal ein Ort der Vollstreckung von Unrechtsurteilen, ein Ort der Rechtsbeugung, von Misshandlung und Willkür. Jetzt sind die Grundlagen für die Entstehung einer würdigen Gedenkstätte vorhanden. Ziel ist nicht nur ein Ort des Gedenkens an die Opfer zweier Diktaturen. Anliegen des Zentrums, der Stadt und der ehemaligen Häftlinge ist auch die Menschenrechtsarbeit für Verfolgte in gegenwärtigen Diktaturen.“ Der Cottbuser Oberbürgermeister Frank Szymanski fand dafür anerkennende Worte in der 44. Stadtverordnetenversammlung am 30. Januar 2008.

Gefängnis für 310.000 Euro an Uwe Harzdorf versteigert
(dpa, 09.12.2007) Nach der Versteigerung des früheren Cottbuser Gefängnisses für politische Gefangene in der DDR hat Chefauktionator Mark Karhausen keinen Zweifel an der Seriosität des Käufers. Der private Investor, der am Samstag den Zuschlag für 310 000 Euro erhielt, «weiß, was er tut», sagte Karhausen am Sonntag der dpa. «Er hat ein paar Ideen, was er mit der Liegenschaft machen will, diese seien aber noch nicht ausgereift», habe ihm der gebürtige Cottbuser erklärt. Auch wolle sich der Käufer mit dem Verein absprechen, der auf einer nicht versteigerten Teilfläche eine Bildungsstätte zum DDR-Unrecht errichten will. Zu den Beobachtern des Berliner Bieterverfahrens zählte auch Helmut Rauer, einflussreicher Cottbuser Immobilienunternehmer und Ex-Stasi-Offizier.

Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. gegründet
(LR/20cent, 12.11.2007) Das neu gegründete Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. will sich in den kommenden Tagen an die Brandenburger Landesregierung, den Cottbuser Oberbürgermeister und die Stadtverordneten wenden. Der Verein sucht bei den Politikern Unterstützung für die Schaffung einer Bildungs- und Begegnungsstätte zur Erinnerung an das Schicksal politischer DDR-Häftlinge in Cottbus. Das kündigte der Vereinsvorsitzende und Brandenburger CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski an. 30 Teilnehmer hatten das Menschenrechtszentrum am Mittwochabend gegründet. Zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden wurde Hugo Diederich (VOS) gewählt.
Der Verein will Teile oder das gesamte Gelände der ehemaligen Haftanstalt in der Bautzener Straße als Begegnungsstätte nutzen. Das Cottbuser Gefängnis war nach Bautzen die zweitgrößte DDR-Haftanstalt für politische Gefangene. Die Gebäude stehen seit Jahren leer und verfallen. Das Menschenrechtszentrum Cottbus will nun die Schicksale einzelner Inhaftierter sammeln.

(dpa/bb, 31. Okt. 2007) Das Land Brandenburg will die Aufarbeitung der DDR-Diktatur mehr als bisher ins Bewusstsein rücken. Deshalb werde das Kabinett in der nächsten Woche ein Konzept zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur verabschieden, sagte Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) der «Märkischen Oderzeitung». Wanka verteidigte den Beschluss, auch in Cottbus eine Erinnerungsstätte zu schaffen. Dort gebe es bei der Aufarbeitung im Gegensatz zu Potsdam oder Frankfurt (Oder) etwa Nachholbedarf. Auch das Zentrum für zeithistorische Forschung werde klare Akzente bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur setzen.

Bisher 1000 Unterschriften unter Cottbuser Erklärung zu SED-Diktatur
(dpa/Die Welt, 10.10.2007) Rund 1000 Menschen haben bislang ihre Unterschrift unter die am Sonntag verabschiedete Cottbuser Erklärung für eine stärkere Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur gesetzt. Dazu gehört der gesamte Vorstand der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag einschließlich des Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder.
Auch aus der Landesregierung Brandenburgs habe es positive Resonanz gegeben, sagte einer der Organisatoren, der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski, am Mittwoch laut einer Mitteilung. Er hatte als politischer Häftling im Cottbuser DDR-Gefängnis eingesessen.
Von 1933 bis 1945 und danach wieder von 1945 bis 1989 waren hier regelmäßig politische Häftlinge untergebracht. Bis 1979 wurden im Keller sog. „U-Boot-Zellen“ betrieben, bis zum Ende der DDR im 2. Stock (linker Flügel, Bild rechts) die sog. „Tigerkäfige“ – Einzelhaftzellen, in denen innen Fenster und Tür doppelt mit durchgehenden Gitterstäben abgeteilt waren. Insbesondere zwischen 1945 und 1989 saßen hier jährlich 300 – 500 meist junge Häftlinge aus den Prozessen des NKWD, der GPU und des DDR-Staatssicherheitsdienstes.

Fenster zum Hof: Blick aus den Arbeitsräumen des VEB Pentacon Dresden (Produktionsräume innerhalb der Haftanstalt) zum Gebäudetrakt der „Erziehungsbereiche“ EB 3 – 9, in dem vorwiegend politische Häftlinge untergebracht waren.

Obermeister Hubert Schulze, genannt „RT“ (Roter Terror) wurde 1996 zu 2,8 Jahren Haft ohne Bewährung wegen seiner Brutalitäten verurteilt, die er im offenen Vollzug in Berlin-Plötzensee abbüsste. Hier mit Rechtsanwalt Sinapius, Hoyerswerda. (rechts)




Selbstmorde hinter Cottbuser Gittern

Erinnerung an Geschichte des Cottbuser Gefängnisses

Von Simone Wendler (LR 8.11.2002) Die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und ehemalige politische Gefangene bemühten sich 2002 um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte des alten Cottbuser Gefängnisses. Bei einem Forum im RUNDSCHAU-Verlagshaus diskutierten sie 2002 über Möglichkeiten, die Erinnerung an diese DDR-Haftanstalt für politische Gefangene zu bewahren.

Das alte Cottbuser Gefängnis in der Bautzener Straße war bis 1989 neben Bautzen und Brandenburg/Havel die wichtigste DDR-Haftanstalt für politische Gefangene. Wegen schlimmer Haftbedingungen und Misshandlungen durch Wärter war die Anstalt berüchtigt. Seit April steht der Bau leer, der Abriss droht und damit das Vergessen dessen, was sich hinter den Mauern abspielte. Ehemalige Häftlinge wollen die Erinnerung wachhalten.

Ein Nachmittag im Oktober 1978. Auf dem Cottbuser Gefängnishof übergießt sich der verzweifelte 26-Jährige Greifendorf mit Farbverdünner und zündet sich an. An den schweren Brandverletzungen stirbt er wenig später. Wegen versuchter Republikflucht war er zu zwei Jahren und acht Monaten verurteilt worden. An der Haft war er offensichtlich zerbrochen. Die Staatssicherheit schirmte seine Beerdigung in Riesa ab und sorgte dafür, dass die Nachricht vom Tod des Cottbuser Häftlings erst Monate später in den Westen gelangte.

Dieses Ereignis aus der Geschichte der Haftanstalt ist in den noch vorhandenen Stasi-Unterlagen dokumentiert. Viele andere Geschehnisse existieren dagegen nur noch in der Erinnerung ehemaliger Insassen. In der Lausitz ist bisher nur wenig über den Alltag hinter Gittern in Cottbus zu DDR-Zeiten bekannt. Bis auf einige Strafprozesse gegen ehemalige prügelnde Wärter wie Roter Terror und Arafat hat die jüngere Geschichte des 1859 errichteten Gefängnisses in den vergangenen Jahren kaum eine Rolle gespielt.

Zu DDR-Zeiten wurden in Cottbus immer mehr Republikflüchtige, Ausreisewillige und Mitglieder von kirchlichen Friedensgruppen eingesperrt. Für 600 Häftlinge vorgesehen, wurden zeitweise bis zu 1400 Menschen in diesem Gefängnis zusammengepfercht. Zum Ende der DDR war nur noch jeder fünfte Cottbuser Häftling kriminell, alle anderen saßen wegen politischer Delikte ein. Der Cottbuser Knast war für Tausende letzte Station vor dem Freikauf in den Westen. Seit April steht das Gebäude leer, irgendwann droht der Abriss.
Dann verschwinden die äußeren Spuren dieses schlimmen Kapitels Lausitzer Geschichte. Ehemalige politische Inhaftierte wollen ihre Erinnerungen an Cottbus nicht länger für sich behalten. Zusammen mit den Landesbeauftragten für Staatssicherheit, die es in jedem neuen Bundesland und Berlin, außer in Brandenburg gibt, trafen sie sich zu einem Gesprächsforum bei der RUNDSCHAU. Sehr emotional und doch sehr sachlich schilderten sie den DDR-Alltag hinter Gittern. Dabei gab es sogar lobende Worte für einige ehemalige Aufseher, denn nicht alle prügelten.

Einzelhaft im Keller
Doch auch von Einzelhaft in feuchten Kellern, brutalen Schlägen, schlechter Verpflegung und schwerer Arbeit war bei dem Forum die Rede. Unter den oft sehr gebildeten politischen Gefangenen gab es jedoch auch großen Zusammenhalt. Siegmar Faust, der von 1974 bis 1976 in Cottbus saß, erzählte, dass er 13 Exemplare einer Zeitung handschriftlich verfassten konnte, ohne das er verraten wurde.

Wie wenig die DDR-Geschichte des Gefängnisses in der Bautzener Straße, aber auch die der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt am Spreeufer trotz einer Gedenktafel und eines Gedenksteins im Bewusstsein der Stadt verankert ist, machte Eberhard Fischer deutlich. Er ist Stadtführer und ehemaliger SED-Genosse.

In einem Gespräch mit Alfred Ullmann, dem Vorsitzenden der Cottbuser Bezirksgruppe der Verfolgten des Stalinismus, hatte er vor einiger Zeit erfahren, was sich im Stasi-Knast abgespielt hatte. „Das hat mich geschaudert, was ich da gehört habe“, sagte er. Seitdem erwähnt Fischer diesen Teil der Cottbuser Stadtgeschichte bei seinen Rundgängen. Offene Ohren findet der Stadtführer damit jedoch fast nur bei Westdeutschen, die Cottbus besuchen.

Vom Gefängnis in der Stadt war nichts bekannt
Alexander Bauersfeld, 1983 für ein halbes Jahr im Cottbuser Stasi-Knast, dann in der Bautzener Straße eingesperrt, machte kürzlich bei Cottbus-Information die Probe. Als er vor einigen Monaten dort nach den beiden früheren Haftanstalten fragte, bekam er zur Antwort: „Davon ist uns nichts bekannt.“ Bauersfeld und andere ehemalige Häftlinge suchen nun gemeinsam nach Wegen, das zu verändern. Besonders Jugendliche sollten erfahren, wie es damals politischen Häftlingen in Cottbus erging, so ihr Anliegen. Der Chef des Cottbuser Stadtmuseums, Steffen Krestin, bot Unterstützung an.
Eine mögliche Ursache für das bisherige Schweigen sieht Bauersfeld darin, dass viele, die an der Inhaftierung politisch unliebsamer Menschen mitgewirkt hätten, heute noch in der Region lebten. Als Beispiel nannte er eine ehemalige Staatsanwältin, die an vielen politischen Verfahren mitwirkte und heute als Rechtsanwältin in Cottbus tätig ist.

Quelle: „Lausitzer Rundschau“ Cottbus, 08. November 2002

Neuvorstellung 2002:
Selbstbehauptung und politischer Protest von Gefangenen im DDR-Strafvollzug
von Dr. Tobias Wunschik, BStU Berlin
„Die politischen Gefangenen waren im SED-Staat vielfältigen Repressionen unterworfen. Die ehemaligen Insassen sind Opfer von Übergriffen, Unterdrückung und Isolation geworden. Doch die meisten Häftlinge wissen darüber hinaus von Strategien der Selbstbehauptung zu berichten, die sie selbst oder ihre Leidensgenossen in der Haftsituation entwickelt haben.“
www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Aktenfunde/Widerstand-in-DDR-Haftanstalten/wunschik_selbstbehauptung.html




1. Treffen 2016 im Walzwerk Brandenburg-Görden

Bericht über das 1. Treffen 2016 von ehemaligen politischen Häftlingen in Brandenburg/Havel am 28.-29. Mai 2016

INTERESSENGEMEINSCHAFT
EHEMALIGER POLITISCHER BRANDENBURGER HÄFTLINGE 1945-1989

Das Gefängnis in Brandenburg-Görden wurde 1945-1989 auch als Haftanstalt für politische Gefangene genutzt. Unter den bis zu 1.900 Gefangenen wurden unter aggressiven Kriminellen zB jährlich 546 als „Staatsverbrecher“ inhaftiert, darunter 122 Flüchtlinge mit „Passvergehen“.
Die besondere Situation dort, mit ausschließlich Haftstrafen über 5 Jahren auch für „Straftaten gegen die staatliche Ordnung“, war bezeichnend durch eine Häufigkeit strenger Arreststrafen. Seit 1951 wurden in der sozialist. DDR auch politische Gefangene und Flüchtlinge als Kriminelle bezeichnet.Die Haftanstalt an der Havel mahnt uns heute als authentischer Ort von DDR-Repression.

Am Samstag den 28. Mai 2016 versammelten sich 45 Teilnehmer nach einem Aufruf der „Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge 1945-1989“ im Industriemuseum Brandenburg/H. (August-Sonntag-Straße 5). Dort im ehemaligen Stahlwerk, wo frühere Häftlinge und Teenager des Jugendwerkhofs Lehnin Haftzwangsarbeit leisten mussten, begannen Betroffene, Zeitzeugen und FachhistorikerInnen mit einem Rückblick auf die 60er Jahre mit Auszügen aus der aufrüttelnden Predigt von Martin Luther King 1964 und der Tanzmusik von Ted Herold vom Plattenteller.
Auf Initiative von Michael M. Schulz wurden symbolisch Gedenktafeln und Kränze für den ermordeten Brandenburg-Häftling Michael Gartenschläger aufgestellt. Nach mehreren Hungerstreiks und Freikauf wurde er beim mutigen Abbau von Selbstschussmechanismen 1976 32jährig von Grenzsoldaten und Geheimdienst erschossen. Auch im Industriemuseum sollte die Ausstellung mit Hinweisen auf die Haftzwangsarbeit ergänzt werden – als Teil der Ortsgeschichte.

Mehrere Fachvorträge folgten. Jurist Dr. Johannes Wasmuth sprach scharf heutige Defizite in den Rehabilitierungsgesetzen an. Prof. Dr. Erardo C. Rautenberg, Generalstaatsanwalt von Brandenburg, beschrieb nachvollziehbar die Strategie zur Verfolgung von DDR-Menschenrechtsverletzungen und Brutalitäten des Strafvollzugspersonals, Prof. Dr. Dr. Roland Garve als Arzt und ehemaliger politischer Häftling menschenverachtende Praktiken im Haftkrankenhaus, wo oft Totschläger als Krankenpfleger eingesetzt wurden. Der Historiker Dr. Christian Sachse beschrieb plastisch: Die Verweigerung von Menschenrechten macht krank, was Bernd Wittchow vom Diakonisches Werk Oderland-Spree mit Beispielen untermauerte. Der pol. Häftling und Bauingenieur Jürgen Sydow forderte die Einhaltung des Menschenrechts auf Gesundheit, was sich in der Diskussion mit Roland Jahn als schwieriges Vorhaben herausstellte. Der Historiker Rainer Potratz aus Potsdam moderierte mit Sachkunde durch den interessanten Dialog zwischen Zeitzeugen und Wissenschaftlern, bei dem die anwesenden Betroffenen atemlos mitdiskutierten. Am Ende blieben viele belegte Brötchen übrig.

Am späten Nachmittag lief der Film Die Todesautomatik (ZDF 2007). Mit
einer Abendandacht im Sonnenuntergang durch den Baptistenprediger und Bürgerrechtler Bernd Wittchow aus Buckow/Mark für den 1976 ermordeten mutigen Michael Gartenschläger wurde der tote Patriot als Vorbild für sein charakterstarkes und widerständiges Verhalten in Haft geehrt.
Am Sonntag dem 29. Mai 2016 legten dann 10 politische Häftlinge an der kleinen Gedenkmauer am Eingang der heutigen JVA Brandenburg/H. vier Kränze nieder.
Dieses Gedenken ist auf youtube dokumentiert:

https://www.youtube.com/watch?v=hnRdUULf_WU

Dem heutigen Gefängnispersonal wurde eine Gedenktafel aus Acryl überreicht zum Anbringen im Aufenthaltsraum, damit nie wieder systemisch gewalttätige Übergriffen auf Häftlinge geschehen.
Danach versammelten sich alle zur Mitgliederversammlung.
Die Interessengemeinschaft beschloss ein 2. Häftlingstreffen am gleichen Ort mit diesmal breiterer Einladung am letzten Maiwochenende 2017 zu veranstalten und bestätigte das bisherige Leitungsteam in seinen Aufgaben.




Aktuelle Veranstaltungen

Treffen aller ehem. politischen Häftlinge Brandenburgs am 28/29. Mai 2016 in Brandenburg/Havel im ehem. Stahl- und Walzwerk

Treffen der Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge 1945-1989:

Am 28/29. Mai 2016 riefen wir bundesweit auf zu einem Treffen für alle ehemaligen politischen Häftlinge der JVA Brandenburg-Görden sowie ganz Brandenburgs im Industriemuseum (August-Sonntag-Straße 5, Brandenburg/Havel)
Wegbeschreibung: Tram 2 oder Fußweg ca. 1,4 km

Beginn: Samstag 13 Uhr, Anreise bitte ab 11 Uhr
Podiumsdiskussion und Fachvorträge zu Recht, Soziales und Posttraumata (Menschenrecht auf Gesundheit)

Gleichzeitig fand dort unsere 2. Mitgliederversammlung statt. Eine Ehrung zum 40. Todestag Michael Gartenschlägers, Musik vom Ted Herold Fanclub Straußberg/Berlin, den Gartenschläger gegründet hatte, sowie gemeinsames Grillen und Erinnern abends waren vorgesehen.
Eine Video-Dokumentation durch SKB-TV und ist bei MLE auf youtube zu finden:
https://www.youtube.com/watch?v=hnRdUULf_WU

Referenten:
– Eröffnung durch Jürgen Sydow, Michael M. Schulz Vorstand IG
– Dr. Johannes Wasmuth, Jurist, Spezialist für Reha-Gesetze Referat youtube
– Prof. Dr. Erardo C. Rautenberg, Generalstaatsanwalt Brandenburg
– Prof. Dr. Dr. Roland Garve, ehemaliger politischer Häftling
– Dr. Christian Sachse: Verweigerung von Menschenrechten macht krank
– Roland Jahn, kommis. Leiter der BStU Berlin
– Bernd Wittchow, Diakonisches Werk Oderland-Spree
– Moderation: Rainer Potratz, Historiker LAKD Potsdam

Eintritt frei, um Anmeldung wurde gebeten.




Gewalt und Missbrauch in Brandenburg

Erinnerungen an die Opfer des DDR-Regimes

In der DDR wurde die Strafanstalt in Brandenburg Görden für Häftlinge mit Strafen von mindestens fünf Jahren genutzt. (Stadtgeschehen, 09.11.2015 din) Insbesondere konzentrierten sich dort Häftlinge, die wegen Tötungsdelikten zu langen, z T. lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden waren. Hinzu kam der Strafvollzug an politischen Gefangenen, der wohl zu den düstersten Kapiteln der DDR-Geschichte zählt. „Gewalt und sexueller Missbrauch standen auf der Tagesordnung“, erinnerte sich Manfred Springer.

Knapp die Hälfte seiner Haftzeit von vier Jahren verbrachte er in diesem berüchtigten Zuchthaus. Sein Verbrechen: eigentlich gar keins: „Ich wollte nur frei sein. Raus aus der DDR und ein unbeschwertes Leben führen.“ Die Flucht war nur geplant und trotzdem wurde er zu dieser hohen Haftstrafe verurteilt. Tausende Regimegegner wie er machten in den Gefängnissen der DDR bittere Erfahrungen mit den Schergen der SED-Diktatur. Vermeintlich staatsfeindliche Äußerungen oder Fluchtversuche waren so der Grund für quälende Verhöre, Gewaltanwendung und Gefangenschaft.

Die politischen Häftlinge waren in Brandenburg zusammen mit Kriminellen inhaftiert. Unter miserablen Arbeitsbedingungen mussten sie oft jahrelang Zwangsarbeit leisten. „Man darf die Verbrechen, die in der DDR geschehen sind, nicht vergessen. Dafür gab es zu viele Opfer, die bei ihrem Versuch die DDR zu verlassen, erschossen wurden oder deren Gesundheit heute noch ruiniert ist“, erklärte Michael M. Schulz, der Gedenkstätten-Beauftragte der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).

Mit einer Kranzniederlegung erinnerte sein Verband an die Opfer der DDR Willkür. Stellvertretend für alle gedachten sie an Michael Gartenschläger (1944-1976), der zehn Jahre in der Strafanstalt Brandenburg abgesessen hat und sich nach seinem Freikauf als Fluchthelfer betätigt, bis er am 1. Mai 1976 an der Demarkationslinie von DDR-Grenzsoldaten erschossen wird. Gartenschläger hatte versucht, eine Selbstschussanlage zu demontieren.

Quelle: meetingpoint-brandenburg.de/neuigkeiten/artikel/20432-Gewalt_und_Missbrauch_Erinnerungen_an_die_Opfer_des_DDR_Regimes