Mahnmal für Grenzflüchtling Hans Georg Lemme

Vor 24 Jahren wurde der junge Wehrdienstleistende Hans-Georg Lemme von einem Grenzboot überfahren. Die Besatzung fühlt sich unschuldig: „Das könnt ihr doch nicht machen! Ich bin doch einer von euch!“

Am 2. November 1973 trat er 20jährig seinen Wehrdienst bei der Volkspolizei-Bereitschaft „Karl-Liebknecht” des Bezirks Schwerin an, wo er zunächst als Schützenpanzerfahrer und dann als Maschinengewehrschütze ausgebildet wurde. Im Sport habe er „Höchstleistungen gezeigt”, heißt es in einer Beurteilung der Volkspolizei, die seine Haltung zum Wehrdienst jedoch negativ beurteilte.

Seine Mutter dachte zunächst, ihr Sohn wolle baden fahren, sein Geld und seinen Wehrpass hatte er zurückgelassen. Als seine Abwesenheit in der Kaserne bemerkt wurde, lief eine Eilfahndung nach ihm an. Die Polizei begann, das Elternhaus zu überwachen und vernahm die ahnungslose Frau Lemme. Die Volkspolizei und die Grenztruppen in den Kreisen Perleberg und Ludwigslust erhielten Befehl zur verstärkten Grenzsicherung.

Die nun folgende Nacht muss Hans-Georg Lemme im Freien verbracht haben. Am 19. August 1974 sprang er kurz nach 21 Uhr bei Cumlosen in die Elbe und schwamm in nördliche Richtung. Ein Stück weiter war es möglich, heimlich auf die niedersächsische Seite hinüberzuwechseln.

Obwohl Hans-Georg Lemme ein sehr guter Schwimmer war, zeigte sich zunehmend seine körperliche Erschöpfung. Das Grenzsicherungsboot versperrte ihm mehrmals den Weg und die Besatzung versuchte, ihn an Bord zu holen, doch Lemme tauchte wiederholt unter das Boot durch. Dessen Bootsführer fürchtete einen Misserfolg. Erst kurz zuvor war er wegen des Hörens westlicher Rundfunksendungen mit einem Verweis belegt und für mehr als ein Jahr aus dem direkten Grenzdienst entfernt worden. Auch erinnerte er sich, dass an der gleichen Stelle einige Wochen zuvor eine Flucht gelungen war und die damals eingesetzte Bootsbesatzung sich dafür hatte verantworten müssen. Nun sah er, wie sich der Flüchtling immer weiter den Buhnen auf der Flußseite zu Westdeutschland näherte.
Während er versuchte, das Boot möglichst nahe an den schwimmenden Flüchtling heran zu manövrieren, gab ein am DDR-Ufer eingesetzter Grenzposten gezielt Schüsse auf den Mann im Wasser ab. Er stellte das Feuer erst ein, nachdem der Bootsführer ihn wegen der Eigengefährdung dazu aufforderte. Was dann am Ende des etwa 35-minütigen Einsatzes geschah, ist unterschiedlich überliefert.
Am Morgen des 6. September 1974 bargen Angehörige der Grenztruppen gegenüber Schnackenburg die Leiche von Hans-Georg Lemme. Sie wies starke Verletzungen an Kopf und Hals auf, die nach Auffassung der Militärstaatsanwaltschaft von einer Schiffsschraube herrühren konnten. Den Gerichtsmedizinern der Universität Rostock war es aufgrund der langen Liegezeit der Leiche im Wasser nicht mehr möglich, die genaue Todesursache zu attestieren. Es bleibt deshalb offen, ob Lemme die Verletzungen noch zu Lebzeiten erhielt, oder ob er bereits ertrunken war. Auf dem Totenschein, den die Eltern erhielten, stand schließlich: „wahrscheinlich ertrunken”. Bereits einen Tag nach der Bergung wurden Lemmes sterbliche Überreste im verschlossenen Sarg nach Groß Breese überstellt. Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes überwachten die Trauerfeier am 10. September 1974. Sie hielten in einem Bericht fest, dass rund 175 Personen Hans-Georg Lemme das letzte Geleit gaben, unter ihnen „alle Jugendlichen aus der Gemeinde”. Lemme sei in der Grabrede des Pfarrers als mutiger und tapferer Mensch geschildert worden, der an ein besseres Leben glaubte.

https://www.fu-berlin.de/sites/fsed/Das-DDR-Grenzregime/Biografien-von-Todesopfern/
Lemme_Hans-Georg/index.html
https://www.maz-online.de/Lokales/Prignitz/Er-wurde-gejagt-wie-ein-Tier-und-dann-getoetet
http://www.zeitzeugen.brandenburg.de/zeitzeugen/inge-lemme/